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Kunst und die Meisterung des Wandels

Die Bildende Kunst und ihre Schöpfer bergen enorme Potentiale, die Unternehmen gewinnbringend einsetzen können. Dies zeigen zahlreiche konkrete Erfahrungen von Unternehmen, die Kunst und Künstler gezielt beteiligen, um ihre Unternehmenskommunikation zu verbessern, um den Weg zu einem neuen Markenbild zu begleiten oder den „creative spirit“ in schwierigen Change-Prozessen freizusetzen. Die Überlegung, Kunst gezielt als Motor für wirtschaftliche Veränderungen oder Potientialentwicklung zu aktivieren, hat inzwischen eine Vielzahl von Anwendungsfeldern generiert, aus denen sich ein nachhaltiger Wertbeitrag ablesen lässt.

Als Expertin auf diesem Gebiet schätze ich meine Netzwerkpartnerin Martina Przybilla. Sie ist Kunsthistorikerin, die aber durch die Zusammenarbeit mit internationalen Firmen und zahlreiche Auslandsaufenthalte auch die Businesswelt mit ihren Anforderungen gut kennt. Gerade in Zeiten der Digitalisierung mit ihren schnellen Veränderungen, hoch getakteten  Entscheidungsabläufen und technikgetriebenen Vorgaben scheint es wichtig, den menschlichen Faktor nicht aus den Augen zu verlieren.

Facettenreiche Erfahrungen aus der Kunstvermittlung

Ich finde es sehr interessant, wie Martina ihre facettenreichen Erfahrungen aus der Kunst- und Kulturvermittlung dabei einsetzt,  um Firmen mit einem Perspektivwechsel und kreativen Wegen bei ihrer Entwicklung zu unterstützen. Etwa, wenn disrupte Veränderungen einen raschen und komplexen Strategiewechsel erfordern und der Weg dorthin mit rein logischem Denken und rationalem Planen allen nicht zu bewerkstelligen ist.

Wenn in Change-Seminaren und Agilitäts-Coachings noch etwas fehlt, um wirklich tragfähige, wertebasierte und damit nachhaltige Ideen zu generieren, die die Mitarbeiter auch innerlich erreichen. Oder wenn es darum geht, von der Welt der Kunst, der Kultur und der Künstler zu lernen, wie Innovation und Veränderung zu meistern sind. Martina wird uns im Folgenden einen spannenden Einblick in ihr Erfahrungsfeld geben.

Neugier versus erzwungenem Change

Künstler zeichnet eine besondere Eigenschaft aus: ihre Neugier. Leonardo da Vinci wollte, koste was es wolle, herausfinden wie etwas aufgebaut ist, wie es funktioniert. Zahlreiche Skizzen zeigen uns Ansichten von Blüten, fliegenden Vögeln, menschlicher Anatomie, Wasserstrudeln und vielem mehr. Er war ein Mensch, der sich grundsätzlich für alles Lebendige unter der Sonne interessierte. Kinder tun dies im übrigen auch. In der Schule wird uns dies jedoch kontinuierlich aberzogen.

Zudem leben wir in einer Zeit, in der unsere Aufmerksamkeit durch den übermäßigen Gebrauch der sozialen Medien und der täglich eingehenden Informations- und Emaiflluten fragmentiert ist. Mit der Verarbeitung des täglich Viel-zu-vielen in der VUCA-Welt (volatil, unsicher, komplex und ambig, also vieldeutig) sind nicht wenige überfordert. Ist es da noch möglich, neugierig zu sein? Neu-gier-de heißt ja, „gierig auf etwas Neues“ zu sein. Es bedeutet, Freude daran zu haben, etwas Neues herauszufinden.

In vielen Firmen stellen wir heute aber eher fest, dass Angestellte mit leisem Stöhnen dem nächsten Change-Seminar entgegensehen. Sich gegen alles Neue mit Händen und Füßen wehren. Und mit jedem neuen  Change-Seminar ein bisschen mehr? „Der schlimmste Feind des Guten, ist des Guten zuviel“ – wusste schon ein altes Sprichwort. Konkret heißt dies, dass wir alle eine tiefe Sehnsucht danach haben, in Ruhe bei uns selbst anzukommen. Kunst kann hierbei helfen. Überraschenderwise stellt sich dann auch die Neugier wieder ein.

Präsenz und Offenheit

Wer ein Kunstwerk in der Realität betrachtet, kann es nicht einfach mit dem rechten Zeigefinger wegwischen. Wenn wir uns ganz darauf einlassen, fangen ab einem bestimmten Punkt unsere Gedanken an, spazieren zu gehen. Assoziationen tauchen auf, vielleicht auch Gefühle. Dies ist ein natürlicher Prozess, der viele Ideen freisetzen kann. Der Kopf wird wieder frei, open minded sozusagen. Offenheit bedeutet aber auch, andere Betrachtungsweisen zuzulassen. Der Kollege kann je nach seinem Erfahrungsschatz andere Assoziationen ins Gespräch miteinbringen. Der gemeinsame Austausch bringt in der Folge spannende Erkenntnisse mit sich.

Die Kunst, ganz bei sich zu bleiben

Wissen wir wirklich, was der Kunde schön findet? Was er wirklich möchte? Schaffe ich etwas von Mehrwert, wenn ich meinen eigenen Ideen oder der Marktforschung  folge? Dazu eine Anekdote des griechischen Bildhauers Polyklet. Dieser schuf zwei Skulpturen zum selben Thema, wobei er die eine nach den Regeln der Kunst und die andere dem Geschmack der Menge folgend gestaltete. Denn nach dem Wunsch eines jeden, der vorbeikam, änderte er etwas und arbeitete das Werk um, jeden Hinweis beachtend. Dann stellte er beide Werke aus. Die eine Statue wurde von allen gelobt, die andere ausgelacht. Daraufhin sagte Polyklet. „Die Skulptur, die ihr kritisiert, habt Ihr selbst erschaffen, wogegen die, die ihr bewundert, von mir stammt.“

Eine optimale Customer Experience kann also keineswegs immer von der Markforschung ergründet werden, sondern folgt anderen Prinzipien. Kunst kann helfen, eine größere Sensibilität für dieses Thema zu entwickeln.

Dem schöpferischen Prozess auf der Spur

Das Geheimrezept für gelingende Innovation und Wandlung ist ein tiefes Verständnis für den schöpferischen Prozess. Unsere Vorfahren richteten sich nach den Gezeiten und dem Rhythmus der Jahreszeiten, um zu säen und ihre Ernte einzufahren. In der Zeit der Industrialisierung gaben Maschinen den Takt vor. Heute haben wir das Phänomen, dass unsere Vorstellungskraft und unsere Ideen wichtig sind.

Nur: der Mensch ist keine Maschine. Er kann nicht am laufenden Band gute Ideen produzieren. Es braucht Phasen der Ruhe, der Inkubation, damit alles gedeihen kann. Auch waren viele bekannte Künstler bekannt für Ihre Routinen. Picasso und Beethoven, der im Jahr 2020 seinen 250. Geburtstag feiert, liebten Spaziergänge, Miro liebte Sport und Boxen. In Firmen muss die Möglichkeit eines gesunden Ausgleichs zwischen kreativen Phasen und Ruhephasen gegeben sein. Dann sprudeln auch die Ideen wieder.

Mysterium Zeitgeist: Was ist das?

Als Kunsthistoriker wird uns schon im Studium beigebracht, dass das Werk eines Künstlers von vielen Faktoren seiner Zeit beeinflusst wird. Dies betrifft natürlich seine persönliche Vita und sein emotionales Erleben, aber auch die Geschichte, die Philosophie und der in der jeweiligen Zeit vorherrschende Mindset hinterlassen ihre Spuren.

Was auf den ersten Blick verblüfft: Jeder Kunstphase folgt in der Regel eine neue, die die Prinzipien der letzten Phase wieder auf den Kopf stellt. Auf die Harmonie der Proportionen in der Renaissance folgte im Manierismus eine Interpretation des menschlichen Körpers, die, ohne mit der Wimper zu zucken, die menschlichen Proportionen viel länger darstellte, als sie tatsächlich waren, oder diese sogar grotesk verzerrte.

Kunst schärft die Sinne für die Welt von morgen

Was heisst das? Das was jetzt ist, ruft automatisch das Gegenteil auf den Plan. Mit diesem Gedanken kann man spielen. Unternehmen denken oft in eher kurzfristigen Zeitspannen. Es werden Ziele für ein bis zwei Jahre festgelegt. Interessanter wäre der Versuch, das Zeitgeist-Experiment zu machen. Was bedeutet es, wenn viele Menschen der digitalen Produkte müde werden? Was möchte der Mensch dann haben, was braucht er, um sich wohl zu fühlen? Was für Welten werden dann erschaffen werden? Die Antwort bleibt spannend und die Kunst trägt dazu bei, hier die Sinne zu schärfen und hellhöriger zu werden.

Zur Person

Martina Przybilla studierte in Tübingen  Germanistik, Kunstgeschichte und klassische Archäologie. Ihr beruflicher Werdegang war bestimmt durch  zahlreiche Auslandsaufenthalte und die Zusammenarbeit mit internationalen Firmen.  Kunst-  und Kulturvermittlung gehörte zu Ihren Aufgaben,  doch lernte sie in Firmen auch die menschlichen und fachlichen  Herausforderungen kennen, die Mitarbeiter und Manager zu bewältigen haben.  In ihren Vorträgen und Seminaren verbindet sie beide Welten: die der Kunst und ihrer Impulse und die der  praktischen Anleitung zu mehr Kreativität und Sinnempfinden im gelebten Alltag.  Es ist ihr ein Anliegen zu zeigen, wie sehr wir alle aus dem unermesslichen Reichtum der Welt der Künstler und der unvergänglichen Kunstwerke schöpfen können.

Dr. Markus Blaschkas Tipp:

Als Projektleiter bin ich für das gesamte Projekt verantwortlich, muss aber nicht selbst alles erledigen!

© by Dr. Markus Blaschka 2019

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