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DOAG 2019 Konferenz

DOAG: Gesprächskultur und neue Roboter-Welten

Manchmal wird man ja zu seinen beruflichen Wurzeln geführt und stellt sich seiner eigenen beruflichen Vergangenheit. Das ist für mich selbst auch immer wieder eine spannende Reise und Begegnung mit meinem jüngeren Ich. Gelegentlich frage ich mich, wieviel IT-ler heute als Coach noch in mir steckt und ob ich überhaupt noch fachlich in der Lage wäre, in der IT-Branche irgendwo dem normalen Tagesgeschäft nachzugehen. Eine interessante Gelegenheit für einen solchen Realitätscheck ist die jährliche Konferenz mit Ausstellung der „Deutschen Oracle Anwender Gruppe“, kurz DOAG in Nürnberg.

Das erste Mal durfte ich dort 2017 mit einem Vortrag teilnehmen. In diesem Jahr war ich mit zwei Vorträgen beteiligt, die im Vorfeld der Konferenz sogar in Form eines zweiteiligen Interviews  mit mir im Netz zum Thema Agilität gewürdigt wurden. Die Ausarbeitung bedeutete zwar viel Zusatzarbeit, aber die große Resonanz und das Interesse daran haben mich sehr gefreut. Faszinierende Einblicke in die Welt von morgen und Verhörmethoden der Geheimdienste offenbarten zwei Keynote-Speaker auf der DOAG, deren Erkenntnisse ich Ihnen ebenfalls nicht vorenthalten will.

Agile Transformation im Fokus

Mein erster Vortrag „Ohne Fallen und Fußangeln zur agilen Transformation“  befasste sich mit dem Thema agile Transformation. Ich begleite seit  knapp zwei Jahren eine größere Transformation im Konzern und bin auch bei anderen Kunden immer wieder in das Thema involviert. Nicht zuletzt in vielen Coachings mit Führungskräften, bei Rollenverständnis gerade vieles im Umbruch ist. Nachdem zahlreiche Transformationen mit Einschränkungen unter komplett falschen Voraussetzungen begonnen wurden, habe ich im Vortrag fünf provokante Thesen zur agilen Transformation formuliert.

Leitgedanken waren dabei unter anderem, dass Change-Prozesse  nicht selten aus der „Wasserfall-Denke“ heraus initiiert werden und sich nur auf Methoden wie Scrum stürzen, dabei aber die agilen Kerngedanken und Werte vernachlässigen. Vielleicht werde ich dies bald in einem separaten Beitrag nochmals vorstellen.

Führung im agilen Unternehmen

Was mich zu meinem zweiten Vortragsthema „Radikal neu gedacht: Führung im agilen Unternehmen“  bringt. Hier geht es mir vor allem um ein neues Verständnis von Führung. Im agilem Universum verteilt sich die Führungsposition auf mehrere Rollen und liegt damit beileibe nicht mehr nur bei Führungskräften. Auch Scrum Master, Product Owner und die Teammitglieder übernehmen Anteile an der Führungsarbeit.

Das Prinzip der Selbstorganisation bringt daher auch für die Teammitglieder eine deutliche Veränderung mit sich. Im Vortrag habe ich zunächst mein Verständnis von Führung dargestellt, um dann aufzuzeigen, wie sich das in der agilen Welt ändert. Darauf aufbauend erläutere ich dann anhand konkreter Beispiele und Erfahrungen, wie Führung in den einzelnen Rollen gelebt werden kann und welche Methoden sich auch in der Praxis bewährt haben. Schauen Sie doch mal rein.

Nach den Vorträgen habe ich mich auf den Konferenzabend gefreut, weil dieser immer recht eindrucksvoll und mit viel Mühe bzw. Liebe zum Detail vorbereitet ist. So gab es dieses Jahr ein richtiges Casino, an dem man – mit Spielgeld natürlich – sein Glück beim Blackjack, Roulette oder Poker versuchen konnte. Ich war beeindruckt vom Aufwand und der perfekten Inszenierung. Ich bin zum Glück keinen Spielernatur und so schlenderte ich an den Spieltischen vorbei und machte mir meine Gedanken zu den einzelnen Akteuren.

Überraschende Einsichten am Buffet

Nicht unerwähnt bleiben darf ein weiteres Highlight der DOAG-Konferenz und der Ausstellung: Das sind die vielen gastronomischen Angebote. Ob Pizza, Salat, Snacks, mediterranes oder asiatisches Essen – es ist für jede Geschmacksrichtung etwas dabei. Am Abend des ersten Konferenztages entschied ich mich für das Grillbuffet, wo schon einige  Tafeln gut besetzt waren. Ich fand ein freies Plätzchen und wollte  ergänzend zum Essen auch noch etwas netzwerken oder ein paar neue Kontakte knüpfen. Links und rechts von mir waren bereits rege Gespräche im Gange und so nahm ich Blickkontakt auf.

Okay, keine Reaktion trotz eifriger Diskussion. Also dann eben die Herrschaften auf der anderen Seite. Mehrfacher Blickkontakt, freundliches Nicken zu einem etwas heftiger vorgetragenen Argument. Aber: keine weitere Reaktion. Ich wiederholte das Spielchen auf beiden Seiten noch ein paar Mal, doch meine Versuche, Kontakt zu bekommen, scheiterten. Direkt in die Gespräche „reingrätschen“ wollte ich jetzt auch nicht, also wandte ich mich wieder meinem Abendessen zu. Es war wirklich nett, so mit mir allein zu speisen, inmitten von Menschen, die angeregt miteinander diskutierten.

Die Kultur des Umgangs miteinander

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich komme wirklich gut mit mir allein klar. Man muss mich auch nicht in jedes Gespräch einbinden, ebensowenig halte ich mich für schüchtern. Mir geht es hier einzig um einen Punkt, den ich am Tag danach gleich in meinen zweiten Vortrag einbauen konnte: Die Kultur des Umgangs miteinander. Die ist eben auf einer Konferenz mit IT-Fachkräften eine komplett andere als auf einer Veranstaltung mit vielen Personalern und Coaches.

Dort, so sind meine Erfahrungen, dauert es maximal zwei Minuten, bis ich mit Tischnachbarn im Gespräch sind. Es gehört eben zur Kultur, auf andere Menschen zuzugehen. Jede Kultur für sich genommen ist vollkommen okay, funktioniert aber nach anderen Spielregeln. Allerdings hatte ich für den Vergleich der beiden Kulturen in meinem Vortrag am Folgetag auch die Lacher auf meiner Seite. Anscheinend ist das kein unbekanntes Phänomen. Ich kenne, da ich ja selbst aus der IT stamme, auch diese eher zurückhaltende Kultur und komme damit gut klar.

So ist einfach meine hier offensichtlich falsche Erwartungshaltung enttäuscht worden und ich hatte noch ausreichend Gelegenheit zu einem Spaziergang durch die vorweihnachtlich geschmückte Nürnberger Altstadt. Eine wunderbare Möglichkeit, um den Abend ruhig und entspannt ausklingen zu lassen.

DOAG-Speaker offenbart Blick in die Zukunft

Außer dieser unvermuteten Lehreinheit in Sachen Kulturpflege habe ich von der DOAG aber noch zwei spannende und interessante Keynotes mit, die ich Ihnen nicht vorenthalten will.  Die erste war von Zukunftsforscher Lars Thomsen aus Hamburg, die zweite von Leo Martin, Ex-Geheimdienstler und Chef des Instituts für forensische Textanalyse.

Lars Thomsen, der auch im Rahmen der DOAG K+A ein Interview gab, hielt einen kurzweiligen und frei gehaltenen Vortrag über seine Arbeit. Dabei ging er vor allem auf die Themen Künstliche Intelligenz (KI), Robotik und vertical farming ein. Zu Beginn erklärte er amüsant, wie der kleine Lars zu seinem Berufswunsch Zukunftsforscher kam und dass ihn seine Professoren im BWL-Studium eher enttäuscht hätten.

Quantencomputer revolutionieren die IT

Die nächsten „520 Wochen Zukunft“ – das hört sich entschieden spannender an als zehn Jahre – werden zu verschiedenen tipping points, also Umbrüchen aufgrund von Innovationen im Bereich KI, führen. Dies liegt nach den Worten von Thomsen daran, dass Quantencomputer jetzt erstmalig in der Lage sind, nicht nur mit Null und Eins zu rechnen und Algorithmen mit KI endlich lernen können. Damit wird die KI nun erstmalig zu Dingen fähig sein, die bislang nur Menschen konnten.

In diesem Zusammenhang sprach Thomsen auch die unglaublichen Fortschritte in der Robotik an, die  bereits heute sichtbar, nur vielleicht nicht jedem bekannt sind. Schauen Sie doch mal im Web, wozu die Roboter von Boston Dynamics in der Lage sind: Bei schwankt die Betrachtung zwischen Faszination und Grusel.

Pflegeroboter als Wohltat oder Fluch?

Eine der ersten Anwendungen könnte z.B. der Einsatz von Robotern in der Pflege sein. Doch was zunächst nur nach der Lösung eines Problems aussieht, wird gerne im nächsten Schritt zu einer komplexen Fragestellung. Technisch wäre es kein Problem, doch was passiert mit den zahlreichen Pflegekräften oder den Pflegeheimen, die durch Robotik immense Kosteneinsparungen und gleichzeitig Umsatzsteigerungen erzielen können? Wird eine Robotersteuer kommen, um den Wegfall von Sozialabgaben und andere Effekte im Arbeitsmarkt und Gesellschaft zu kompensieren?

Rasch ging Thomsen weiter zur nächsten Frage, nämlich was mit den Menschen passiert, deren Jobs künftig komplett entfallen würden? Der Zukunftsforscher und Chef der Denkfabrik „future matters“  beruhigte uns Zuhörer mit der Idee, dass komplett neue Berufe und Tätigkeiten entstehen würden. Nicht nur der Robotertechniker, sondern z.B. auch der des vertical farmers oder Versorgungstechnikers in der vertical farm.

Hochhausgärten beim „vertical farming“

Falls Sie noch nicht davon gehört haben: vertical farming bezeichnet einen Trend, bei dem Pflanzen nicht im Boden wachsen, sondern in speziellen Gewächshäusern untergebracht sind, als Teil von Hochhäusern oder in anderen entsprechenden Gebäuden. Das Besondere ist dabei, dass der Wasserbedarf extrem gering ist, die Pflanzen unter optimalen Bedingungen wachsen und somit wirklich unglaubliche Erträge erzielen. Wenn man das weiter denkt, würde sich eine vertical farm anscheinend auch in den teuersten Großstädten rechnen, da der Ertrag die Grundstückskosten locker übertreffen würde. Von den positiven Effekten wie Erzeugung vor Ort und Wegfall von Transportkosten plus Rohstoffverbrauch mal ganz abgesehen.

Ich bin gespannt, wie Deutschland und Europa sich all diesen Trends stellen, ob wir die Zukunft begrüßen, Unternehmer*innen unterstützen und weiter eine Vorreiterrolle in der Welt einnehmen. Oder… nun, warten wir mal ab. Die nächsten 520 Wochen werden und viele Überraschungen bescheren.

Die „Geheimwaffen der Kommunikation“ auf der DOAG

Speaker Leo Martin empfing uns am nächsten Vormittag mit einem weiteren Vortrags-Höhepunkt zu Geheimwaffen der Kommunikation. Martin war beim Bundesnachrichtendienst (BND)  für die Entwicklung spezieller Verhörtechniken für die Organisierte Kriminalität zuständig und  bewies dabei eindrucksvoll, dass er seine Techniken selbst auch meisterhaft beherrscht. Tatsächlich ist es eine Mischung aus sehr genauer Beobachtung seines Gegenübers, dem Austesten von Hypothesen, die er selbst formuliert und der fortlaufenden Schleife, mit denen er an seinem Gegenüber dranbleibt.

Sozusagen ein agiler Kernzyklus, nur hier mit dem Ziel, Menschen zu „lesen“. Mit ein paar Freiwilligen auf der Bühne bekamen wir Zuhörer einen Blick in seinen Werkzeugkoffer. Auf humorvolle Weise wurden alle Freiwilligen „entlarvt“ und die vorher verdeckt übergebenen schwarzen und weißen Kugeln wurden von Martin auch alle richtig „erraten“. Beeindruckend, das muss ich zugeben. Martins Buch „Ich krieg dich!“ steht auf meinem Wunschzettel für Weihnachten. Ich bin mir sicher, da noch den einen oder anderen Tipp für meine Arbeit zu finden.

Gespräch mit dem Magier der Worte

Als ich mich nach der Keynote wieder mit dem Buffet beschäftigte und auf der Suche nach einem passenden Platz war, vielleicht auch mit der Gelegenheit auf Unterhaltung, begegnete ich doch tatsächlich Leo Martin. Ich gesellte mich nach kurzem Blickkontakt und einer höflichen Frage (puh, es funktioniert also doch noch…) zu ihm an den Tisch. Es stellte sich heraus, dass er tatsächlich ein Meister der Kontaktaufnahme und Gesprächsführung ist. Wir hatten ein wirklich nettes Gespräch und ich bekam ein paar Einblicke in seinen Alltag als Speaker und in sein neues Arbeitsfeld der forensischen Textanalyse. Schön zu sehen, dass manche Menschen nicht nur auf der Bühne „liefern“, sondern auch noch im persönlichen Kontakt sich als angenehme und sympathische Zeitgenossen erweisen.

Mein zweiter Vortrag „Radikal neu gedacht: Führung im agilen Unternehmen“ lief dann am Nachmittag auch wie am Schnürchen. Mein Erlebnis vom Konferenzabend als Beispiel zu unterschiedlichen Kulturen kam hervorragend an, meine Zuhörer kamen aus dem Lachen fast nicht mehr heraus. Nach ein paar kurzen Gesprächen bei einigen Ständen der Ausstellung trat ich dann  langsam die Heimreise an, die erstaunlich ruhig verlief. Und so bleibt mir der feste Vorsatz, zur nächsten DOAG Konferenz + Ausstellung auch wieder mindestens einen Vortrag einzureichen!

 

Dr. Markus Blaschkas Tipp:

Als Projektleiter bin ich für das gesamte Projekt verantwortlich, muss aber nicht selbst alles erledigen!

© by Dr. Markus Blaschka 2019

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