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Ich-Entwicklung: Chancen in der Krise

Im Zusammenhang mit den starken Einschränkungen und weitreichenden Auswirkungen der Corona-Pandemie haben aktuell unterschiedliche Strategien der Krisenbewältigung Hochkonjunktur. In Medien, Fachmagazinen und den Social Media ist viel darüber zu lesen. Ein Experte im Umgang mit Krisen und Veränderungsprozessen ist mein langjähriger Netzwerkpartner Elmar Türk aus Wien. Der Unternehmensberater, zertifizierte Erwachsenenbildner und Mediator (BMfJ) hat einst Chemie studiert. Heute interessiert ihn mehr die Chemie zwischen Menschen, die er in beruflichen und privaten Belangen begleitet. Schwerpunkte seiner Arbeit sind die Ich-Entwicklung und die Begleitung von Menschen in psychischen Krisen.

Konzept der Ich-Entwicklung

Nicht nur für die persönliche Weiterentwicklung, sondern auch für die Arbeit als Coach, Trainer oder Unternehmensberater geben die Erfahrungen in der Arbeit mit dem Konzept der Ich-Entwicklung wertvolle Anhaltspunkte. Dabei handelt es sich um ein messbares Stufen-Modell der inneren Persönlichkeitsentwicklung. Publik gemacht hat es die Entwicklungspsychologin Jane Loevinger (1918-2008)  in den 1970er und 1980er Jahren. Sie griff dabei auf Ansätze und Theorien von Jean Piaget, Erik H. Erikson und Harry Stack Sullivan zurück. Das Modell der Ich-Entwicklung macht deutlich, wie sehr der innere Reifegrad der Persönlichkeit den Begriff der eigenen Identität, den Umgang mit sich selbst und anderen, mit Konflikten oder komplexen Lebenssituationen beeinflusst.

Im Gespräch erklärt Elmar, warum es als Führungskraft,  Coach oder Trainer von großer Bedeutung sein kann, in Krisen, Konflikten oder äußeren Veränderungsprozessen auch die inneren Entwicklungsschritte im Blick zu haben. Und zwar sowohl die eigenen wie auch die der beteiligten Personen oder Parteien. „Als Bild verwende ich gerne die Frage: Wie weit sieht ein Mensch? Was kann er überhaupt auf dem Bildschirm seiner Aufmerksamkeit haben?“ Konkret heißt das: Inwiefern ist mein Gegenüber aufgrund seiner inneren Disposition oder Handlungslogik in der Lage, die von mir gesetzten Vorgaben überhaupt zu erfassen, anzunehmen und umzusetzen.

Zehn Reifestufen persönlicher Identität

Loevinger führte Tests mit Tausenden von Menschen durch und arbeitete heraus, dass ihr Denken, Fühlen und Handeln sich im Laufe des Lebens ähnlich entwickelte. Das von ihr und ihren Nachfolgern entwickelte Modell der Ich-Entwicklung beschreibt in einer Abfolge von zehn Stufen Sequenzen von inneren Denkstrukturen, Persönlichkeitsmustern und Handlungslogiken. Sie dienen als Grundlage oder Matrix, wie sich ein Individuum das Verständnis seiner Welt aufbaut und erarbeitet. Dieser Aufbau erfolgt schrittweise in einer Pendelbewegung zwischen den beiden Polen von Autonomie und Verbundenheit. Er wird nach und nach differenzierter und integrierter. Oft verteilt sich die Entwicklung auf mehrere Stufen. Auf einer davon hat die Ich-Instanz aber ihren Schwerpunkt.

Was versteht man darunter konkret? Hilfreich ist ein kurzer Blick auf einzelne Stufen der Ich-Entwicklung. So führt der Weg vom Gefühl symbiotischer Verbundenheit (Stufe E1) über die Steuerung der eigenen Impulse (E2) erstmals auf Stufe 3 zur Selbstbestimmtheit als Hauptcharakteristika. Das Lebensmotto zielt darauf, sich durchsetzen zu können. Das typische Auftreten ist opportunistisch oder aggressiv-einschüchternd und stark auf den eigenen Vorteil bedacht. Ausgeprägt ist ein gutes Gespür für Gelegenheiten, die eigenen Interessen durchzusetzen.  Die Denkweise ist geprägt von Freund-Feind-Logik und der Betreffende fühlt sich schnell angegriffen.

Wie wird der Mensch beziehungsfähig?

Der nächste fundamentale Entwicklungsschritt (E4: gemeinschaftsorientiert) führt wieder in die Verbundenheit. Wenn ich nicht nur meine Interessen, sondern auch die der anderen mitempfinden kann, dann bin ich beziehungsfähig. Das typische Auftreten zeigt sich loyal zur Bezugsgruppe und diplomatisch-vermittelnd. Die Regeln und Normen der eigenen Gruppe werden – zum Teil bis zu blindem Gehorsam – befolgt, Menschen außerhalb dieser Gruppe wird eher mit Argwohn begegnet. Im Denken zeigt sich  die Tendenz zur Schwarz-Weiß-Sicht. Der Selbstwert hängt stark von der Akzeptanz anderer ab.

Das Lebensmotto der Abgrenzung bestimmt die nächste Stufe (E5: rationalistisch). Der eigenen Meinung und Besonderheit wird großer Wert beigemessen. Pragmatisches Handeln, dem Bedachtsein auf klare Verhältnisse und eine mitunter perfektionistische Vorgehensweise prägen das Auftreten. Der Aufbau von Expertenwissen und mitunter starre Vorstellungen von Abläufen prägen das Denken, während Probleme beim Priorisieren von Aufgaben auftreten können. Das Erreichen eigener Ziele bestimmt die Stufe E6 (eigenbestimmt). Trotz Abgrenzung werden prinzipiell Beziehungen auf Augenhöhe angestrebt. Die Tendenz zur Selbstoptimierung geht oft mit dem Eindruck des Gehetztseins einher. Analytische-differenzierende  Fähigkeiten und das Hinterfragen von Motiven verbinden sich mit einer beginnend selbstkritischen Sicht. Die beiden Entwicklungsstufen E5 und E6 prägen heute etwa zwei Drittel der erwachsenen Bevölkerung im Westen.

Größere Individualität und Offenheit

Die beiden folgenden Stufen E7 (relativierend) und E8 (systemisch) zeichnen sich aus durch fortschreitende Individualität und größere Offenheit gegenüber anderen Meinungen und Lebensweisen. Dazu kommt die Selbstverwirklichung jenseits sozial vorgegebener Rollenmuster und das Hinterfragen eigener Sichtweisen durch gesellschaftliche Prägungen. Wer die einzelnen Charakteristika aufmerksam mitverfolgt hat, mag darin auch einige der Gründe sehen, warum sich in der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Debatte aktuell soviel Konfliktstoff auftürmt. Die Corona-Krise und ihre globale Dimension wirkt dabei noch wie ein Brandbeschleuniger. Das Magazin SPIEGEL hat dazu in einem Artikel interessante Bezüge hergestellt.

Das eben Geschilderte macht auch klar, welche Vorteile die Realisierung bzw. Einbeziehung innerer Handlungsdynamiken im Beratungsprozess oder auch für Führungskräfte haben kann. Was bedeutet das nun für den Umgang mit Krisen? „Handlungslogiken sind für uns wichtig, weil sie ein stabiles Ich-Gefühl vermitteln, indem ich damit einer sich ständig verändernden Welt Bedeutung gebe und es in einer für mich typischen Weise mache“, sagt Elmar. Im Alter von 20 bis 25 Jahre hat sich dieses Ich-Gefühl stabilisiert. Veränderungen der Welt bzw. Umwelt werden in der Folge als stark krisenhaft erlebt. „Es besteht die Tendenz, neue Erfahrungen doch wieder auf alte Muster zurückzuführen.“

Verunsicherung in der Krise

Die Schwierigkeit fußt vor allem darin, dass das eigene Unterbewusstsein die Tendenz hat, „das Bekannte stabil zu halten, um der unsicheren Welt um uns herum begegnen zu können“. Konkret heißt das: „Wenn wir mit den zur Verfügung stehenden Handlungslogiken die Erfahrungen nicht mehr bewältigen können, dann erleben wir das als Krise, die uns den Boden unter den Füßen wegzieht.“ Begleitet ist dieser Moment oft von unbewussten Ängsten und starker Verunsicherung.

Die Chance, die in der Krise liegt, ist, in eine spätere komplexere Handlungslogik hineinzuwachsen. Damit verändert sich jedoch auch die subjektive Eigenwahrnehmung. In persönlichen Krisenmomenten wird diese Ich-Wahrnehmung als schwankend und unstabil wahrgenommen. „Das gute Gelingen der Krisenbewältigung ist damit auch eine Frage der Balance von Anforderung und Unterstützung“, erläutert Elmar. Der Betroffene kann deshalb in der Regel auch erst später im Rückblick die Chance für das eigene Entwicklungspotential durch eine Krise realisieren.

Das Potential der Ich-Entwicklung

Wie kann diese Unterstützung nun aussehen? „Was den Leuten Stabilität auf dem schwankenden Boden der Krisenphase gibt, ist unter anderem das Wissen über die Ursachen und den Verlauf solcher persönlicher Krisen.“ Eine hilfreiche Möglichkeit ist, mit den Klienten über die zukünftige Version von sich selbst zu sprechen und das dabei neu freigesetzte bzw. zur Verfügung stehende Potential zu sehen. „Auch wenn ich mir das jetzt noch nicht vorstellen kann, ist die Idee tröstlich, wie diese neue Person mit ihrem neuen Potential die Welt erlebt – und dabei auf alle bisher gemachten Erfahrungen zurückgreifen kann.“

Elmar Türk vergleicht das mit dem Bild, einer Raupe zu erzählen, wie es sein wird, wenn sie ein Schmetterling ist. „Keine Raupe würde aus ihrer Raupenlogik heraus ein Schmetterling sein wollen. Wenn ich aber weiß, es gibt eine Zukunft als Schmetterling, ist das schon mal eine grundsätzliche Hilfe.“ Der Wiener Persönlichkeits-Coach zeigt ergänzend auf, dass es bei seiner Arbeit auch darum geht, sozusagen die „blinden Flecken“ oder Schatten aufzudecken, die die Potentialentfaltung auf der jeweils gelebten „Hauptstufe“ einengen oder blockieren. „Es geht darum, die Themen zu identifizieren, wo der Klient an seine Grenzen kommt, wo er nicht mehr die Handlungshoheit als Herr im eigenen Haus hat, sondern ein passives Erleben vorherrscht.“

„Spannend, eine Krise!“

Um die eigene Weiterentwicklung zu fördern und zu fordern, geht es um die Konstellation von Situationen, die die bestehenden Ich-Strukturen herausfordern und gegebenenfalls sogar bewusst irritieren. „Sie müssen mit anderen Menschen zu tun haben, emotional bedeutsam sein und individuelle Resonanz haben“, erklärt Elmar. Derartige begleitete „Verhaltensexperimente“ über einen längeren Zeitraum bieten die Chance für neue Erfahrungen und eine Erweiterung der persönlichen Handlungslogik. Was im Zuge der Ich-Entwicklung als steuernder Instanz steigt, ist die Bewusstheit und die Fähigkeit, die Umwelt als Objekt zu betrachten und auf sie einwirken zu können. Auf gut deutsch: „Ich habe, bin aber nicht meine Impulse, Emotionen und Gedanken, sondern kann steuernd mit ihnen umgehen.“ Der Ausruf „Oh Gott, eine Krise!“ kann somit durch neue Erfahrungen der Einstellung „Spannend, eine Krise“ weichen.

Zur Person:

Der studierte Naturwissenschaftler Elmar Türk arbeitet als Unternehmensberater, zertifizierter Erwachsenenbildner und Mediator (BMfJ)  in Wien für Privatpersonen und Organisationen. Elmar Türk ist unter anderem zertifizierter profilingvalues Berater und bildet Berater darin aus. Schwerpunktthemen seiner Arbeit sind die Ich-Entwicklung und Konfliktarbeit. Lesen Sie auch unser Interview mit Elmar Türk.

Dr. Markus Blaschkas Tipp:

Als Projektleiter bin ich für das gesamte Projekt verantwortlich, muss aber nicht selbst alles erledigen!

© by Dr. Markus Blaschka 2019

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