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"Ein einzigartiger Platz in der Welt" – Elmar Türk über die Ich-Entwicklung

Interview mit dem Wiener Berater und Mediator Elmar Türk über die Chancen der Persönlichkeits- bzw. Ich-Entwicklung und wie wir diese Perspektive in die Interaktion mit anderen einbringen können. Auch fürs Coaching oder die Mediation ist die Erkenntnis, dass Menschen sich auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen befinden, hilfreich.

Sie werden doch wohl mit Kollege Müller einen Kompromiss eingehen können!“ – „Mein Nachbar und ich streiten schon seit Jahren und kommen einfach zu keinem Konsens.“ Immer wieder werden im (Berufs-)Alltag Erwartungen wie diese an uns und unsere Mitmenschen gestellt. So leichthin sie formuliert werden, so unerfüllbar sind sie oft. Sie, Herr Türk, sagen: Kollege Müller oder der Nachbar können im Grunde nichts dafür – es liegt an ihrem persönlichen Reifegrad…

Ich bin da viel vorsichtiger, ich sage: es könnte an den Unterschieden in der persönlichen Reife liegen. Als Bild verwende ich gerne die Frage: wie weit sieht ein Mensch? Was kann jemand überhaupt am Bildschirm der Aufmerksamkeit haben? Ein Mensch z.B., der sich vor allem an den Erwartungen seiner Mitmenschen orientiert, kann nicht erfassen, was es bedeutet, seinen einzigartigen „eigenen“ Platz in der Welt zu suchen. Der andere fühlt sich schnell bedroht, weil der andere ihm etwas nicht „vergönnen will“. Die Dynamik nimmt ihren Lauf …

Sie verweisen in Ihren Publikationen unter anderem darauf, dass die meisten Menschen auf einem bestimmten Entwicklungsniveau ihrer Persönlichkeit „stehen bleiben“, beziehungsweise nur ein kleiner Teil von ihnen zu einem Stadium gelangt, das ihnen relativierende oder postkonventionelle Sichtweisen ermöglicht. Warum ist das so?

Uns selbst als stabile Person zu erleben ist sehr wichtig für uns, gibt uns Sicherheit. Dieses Erleben ist das Ergebnis eines fortwährenden Prozesses, den wir auf die uns eigene Art und Weise durchführen. Diese Art und Weise nennen wir die persönliche Handlungslogik. Die wechseln wir nur, wenn es gar nicht anders geht. Und das erleben wir in der Regel als Krise: „Ich“ weiß nicht mehr, wer „Ich“ bin – Panik! Wenn sich unsere Ich-Entwicklung im frühen Erwachsenenalter stabilisiert hat, tun wir also alles dafür, uns nicht mehr grundlegend verändern zu müssen. Der Preis für diese Stabilität sind die Kosten von Entwicklung. Robert Kegan (Harvard Business School) sagt, es ginge darum, die „Immunität des Menschen gegen Veränderung von sich selbst“ als brilliante Fähigkeit zu akzeptieren.

Wenn unsere Persönlichkeitsentwicklung eine so große Rolle spielt in der Interaktion mit anderen Menschen, warum wird diesem Konzept in der Praxis bislang so wenig Beachtung geschenkt? Dieses Wissen könnte z.B. den Berufsalltag erleichtern.

Zum einen war die Ich-Entwicklung lange Zeit vor allem ein Forschungsthema. Das ist durch, wenige psychologische Theorien sind so gut abgesichert. Aber die Übersetzung in die praktische Anwendung begann erst Ende der 90er-Jahre des letzten Jahrhunderts. Dort ist das Know-How also noch jung. Zum anderen löst ein Stufenmodell auch sofort viel Angst aus. Bin ich besser, wenn ich eine spätere Stufe erreicht habe? Bin ich schlechter, wenn ich mich auf einer früheren Stufe befinde? Und dann ist das alles auch nicht einfach wahrnehmbar. Wie kann ich mir sicher sein?

„Wir unterstellen oft ein Nicht-Wollen, wo es sich um ein Nicht-Können handelt“

Wie kann man als Führungskraft mit unterschiedlichen Entwicklungsstufen der Mitarbeiter umgehen, vorausgesetzt, man erkennt diese? Welchen Nutzen kann ein Unternehmen daraus ziehen?

In erster Linie geht es darum, die gegebenen Entwicklungsstufen zu akzeptieren! Wie oft unterstellen wir jemandem ein „Nicht-Wollen“, dabei handelt es sich um ein „Nicht-Können“. Da bleibt die Verantwortung in der Kommunikation jedenfalls bei dem Menschen, der die spätere Stufe der Handlungslogik verfügbar hat. In einer komplexen Welt ist es auch wichtig, dass wir Menschen mit Aufgaben betrauen, denen sie grundsätzlich gewachsen sind. Die Veränderung der Anforderung zwischen einem Abteilungsleiter und einem Geschäftsführer kann jemanden schon strukturell überfordern, da ist es mit „mehr desselben“ nicht getan.

Und schließlich hilft uns das Modell der Ich-Entwicklung auch, eine „entwicklungsfördernde Umgebung“ zu schaffen. Die kürzeste Formulierung dazu heißt: fordern und fördern. Das ist eine anspruchsvolle Balance, die die individuellen Voraussetzungen sehr genau berücksichtigen muss.

Sie haben auch über den Einfluss der persönlichen Reife auf Konfliktsituationen und deren Lösung geschrieben. Was können etwa Mediatoren damit anfangen?

Das gebe ich jetzt nur Überschriften, das wird sonst ein Buch:

  • die eigenen Grenzen der Komplexitätsbewältigung kennen und akzeptieren
  • Medianden in ihrer Unterschiedlichkeit akzeptieren
  • „Übersetzungsangebote“ über Stufen hinweg anbieten
  • Konfliktphänomene als Zeichen temporärer Regression verstehen und behandeln
  • Konflikt- und Krisenphänomene auch als Entwicklungssituationen verstehen helfen

Wichtig bleibt jedenfalls die Bereitschaft, immer auch in Erwägung zu ziehen, dass man die Medianden nicht vollständig verstehen kann, weil man selbst deren Stufe nicht verfügbar hat. Auch mein Horizont ist nicht das Ende der Welt! – aber will das schon gerne wahrhaben?

„Nicht Entwicklung verkaufen, wo bestenfalls Lernen stattfinden kann“

Auch Coaches, Berater und alle, die in der Erwachsenenbildung tätig sind, begleiten Menschen auf einem Weg des Wachstums. Sie schreiben vom Unterschied zwischen Lernen und sich entwickeln. Was bedeutet diese Erkenntnis für die Arbeit mit Klienten?

Da beziehe ich mich auf eine Unterscheidung, wie Jean Piaget sie getroffen hat: Lernen ist der Zugewinn von Wissen, Fertigkeiten, Kompetenzen bei Erhalt der Struktur; Entwicklung bedeutet eine gleichzeitige Veränderung der Identität. Jedenfalls bedeutet das, bescheidener aufzutreten und nicht Entwicklung zu verkaufen, wo bestenfalls Lernen stattfinden kann. Meine Kollegin Rosa Strasser pflegt zu sagen, der entwicklungspsychologische Blick sei wie die Forstwirtschaft – da müssen wir in Jahrzehnten denken! Und zugleich die Menschen, mit denen wir arbeiten, nicht als die Personen zu sehen, die sie sind, sondern als diejenigen, die sie einmal sein könnten!

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Türk!

Über Elmar Türk

Der österreichische Unternehmensberater, zertifizierter Erwachsenenbildner und Mediator (BMfJ) hat einst Chemie studiert. Heute interessiert ihn mehr die Chemie zwischen Menschen, die er in privaten und beruflichen Belangen berät und begleitet. Er arbeitet überwiegend in Wien für Privatpersonen und Organisationen. Dort hat er 2016 gemeinsam mit Kollegen ein Seminarzentrum eröffnet. Elmar Türk ist unter anderem zertifizierter profilingvalues Berater und bildet Mediatoren aus. Schwerpunktthemen seiner Arbeit sind etwa die Ich-Entwicklung sowie Menschen in psychischen Krisen; hier besonders in Verbindung mit Mediation. Er veranstaltet Seminare und Workshops und hat zahlreiche Publikationen veröffentlicht.

www.elmartuerk.at

Dr. Markus Blaschkas Tipp:

Als Projektleiter bin ich für das gesamte Projekt verantwortlich, muss aber nicht selbst alles erledigen!

© by Dr. Markus Blaschka 2019

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