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Auf Spurensuche im Riesengebirge

Was hat das Riesengebirge mit dem Thema Biographisches Coaching zu tun? Letzteres habe ich bereits in mehreren Blogartikeln aufgegriffen. Oft sind es Klienten, die für ein Problem im Beruf mit mir einen Termin als Business Coach ausmachen. Im Laufe der Gespräche stellt sich dann häufiger heraus, dass vergessene, aber deshalb nicht weniger prägende Glaubenssätze, Erfahrungen und Konditionierungen der Eltern oder aus der eigenen Kinder- und Jugendzeit unsere heutigen Entscheidungen und Verhaltensweisen als Erwachsene beeinflussen. Wer sich dessen bewusst wird, tut sich in der Regel leichter, aus vermeintlichen Schwächen neue Stärke und innere Klarheit zu gewinnen.

In eigener Sache hat mich das Buch von Walter Kohl „Leben oder gelebt werden – Schritte auf dem Weg zur Versöhnung“ sehr nachhaltig beeinflusst. Die bewegende Geschichte des Sohns von Bundeskanzler Helmut Kohl hat mich auf die Idee gebracht, exemplarisch eigenen Gedanken und Gefühlen mit der „Last berühmter Väter“ in einem Blogbeitrag auf den Grund zu gehen. Nicht zuletzt spielte dabei auch das Thema der „Kriegsenkel-Generation“ eine Rolle, in dem sich viele aktuelle Probleme der Gegenwart widerspiegeln.

Reise in die alte Heimat

Die Resonanz auf diese Blogbeiträge hat mich ermutigt, in den Sommerferien noch einmal in die Vergangenheit einzutauchen und bei einer Reise die alte Heimat meines Vaters zu erkunden.  Mein Plan stand schon seit längerem fest: Ich musste endlich noch einmal an den Ort, wo scheinbar Vieles, das mich beschäftigte, seinen Ursprung hat. Seit dem 40. Geburtstag kam ich immer mehr an Lebensthemen, die möglicherweise mit dem Leben meines Vaters verzahnt waren. Der war als Sudetendeutscher nach Kriegsende mit seiner Familie aus dem Riesengebirge vertrieben worden. Ich war zuletzt als kleiner Bub mit meinen Eltern dort, die Erinnerungen nurmehr bruchstückhaft.

Damals war die Welt noch in West und Ost, in Gut und Böse eingeteilt, in Kapitalismus und Sozialismus. Den kleinen Markus hat die Reise stark beeindruckt. Das fing an mit der Willkür, beim Grenzübertritt in die damalige Tschechoslowakei zwei Sunden lang in praller Sonne ausharren zu müssen. Der Kapitalist mit dem dicken Benz soll ruhig etwas schmoren, dachten sich wohl die Grenzbeamten. Später bedrückte mich die schlechte Versorgungslage im Osten und ich verstand, warum mein Vater immer so gerne Knödel mit Soß‘ mochte: Das Fleisch war auch im besten Restaurant praktisch ungenießbar. Ein Cousin meines Vaters, der dort geblieben war,  zeigte nurmehr wenig Interesse an der sudetendeutschen Geschichte und seine Kinder sprachen kein Wort Deutsch mehr.

Nach 40 Jahren wieder im gleichen Hotel

Mit diesen Erinnerungen im Gepäck startete ich knapp 40 Jahre später meine zweite Reise in den damaligen Kreis Hohenelbe, genauer gesagt in das kleine Dorf Kottwitz (heute Chotěvice),  südlich des Riesengebirges, nahe der polnischen Grenze. Nach der Anfahrt über Dresden und einem unspektakulären Erscheinungsbild der Landschaft bis zur polnischen Grenze änderte sich die Situation an einem Bergpass auf der tschechischen Seite grundlegend. Hier wimmelte es auf der Paßhöhe von Restaurants, Hotels, Ausflüglern, Bergwanderern und vielen Radfahrern. Okay, verstanden, das Riesengebirge ist auf der tschechischen Seite wohl durchaus ein touristisch lohnendes Ziel.

Einem inneren Impuls folgend, hatte ich in Pec pod Sněžkou (deutsch: Petzer) exakt das Hotel gebucht, in dem ich mit meinen Eltern schon vor knapp 40 Jahren residiert hatte. Offensichtlich hatte das Haus seit dieser Zeit keine Renovierung mehr gesehen. Auch in Erinnerung an das schlechte Essen fragte ich mich unwillkürlich, ob ich mir nicht eine bessere „Residenz“ hätte suchen sollen. Nach dem ersten Schritt hinein versöhnte mich schnell eine amüsante Mischung aus Ostalgie und dem passenden Vier-Sterne-Standard. Zumindest das Essen war deutlich genießbarer als damals. Die zahlreichen Gäste bildeten eine bunte Mischung aus Wanderern, Mountainbikern und Familien. Ein bisschen so wie in Österreich bzw. Südtirol.

Beeindruckende Landschaft im Riesengebirge

Landschaftlich ist das Riesengebirge durchaus beeindruckend. Statt Schneisen von Skipisten, wie allenthalben in den Alpen, findet man hier noch riesige, beinahe unberührt wirkende Wälder. Klar gibt es kleinere Skigebiete, viele Wanderwege und zunehmend auch E-Bike-Strecken; aber die großen Hänge voller Nadelgehölze wirken in ihrer Weitläufigkeit majestätisch und erhaben.

Angesichts dieser Eindrücke kamen erste Zweifel an meinem Vorhaben auf. Markus, du bist weder ein Bergfex noch hast du dein E-Bike dabei. Es geht um die Arbeit an „Vater-Themen“. Mich mit ihm gedanklich verbinden, vielleicht ein paar Takte erzählen, was ich an ihm als Vater gut fand und wo ich noch ein paar Rechnungen offen hatte. Doch dafür war morgen noch Zeit genug. Am Abend stellte ich überrascht fest, dass die Bartender im 18. Stock des Hotels einen vorzüglichen Mai Tai drauf hatten und fiel irgendwann ins Bett.

Am zweiten Tag stand nun der Ausflug nach Kottwitz an. In unserer Familie, genauer gesagt dem väterlichen Teil, war das Bild von Kottwitz und seiner Umgebung naturgemäß stark verklärt. Das war mir auch schon als Kind klar gewesen. Mit seinen heruntergekommen, teilweise auch beschädigten und verfallenen Gebäuden wäre der kleine Ort normalerweise keinen Stopp wert gewesen. Ich sah einen kleinen Bach, in dem mein Vater Bisamratten gejagt hatte, und wollte an einen seiner Lieblingsorte: ein kleines Birkenwäldchen oberhalb des Dorfs mit einem schönen Ausblick.

Lausbubenstreiche im Birkenwald

Ich rechnete kurz nach. Vor ungefähr 80 Jahren (mein Vater ist Jahrgang 1927) musste das ein „Wäldchen“ gewesen sein. Dank Navi fand ich mich kurz darauf tatsächlich am Straßenrand oberhalb von Kottwitz, wo noch einige Birken in einem kleinen Waldstück zu sehen waren. Ich stieg kurz aus, machte ein paar Fotos und versuchte, an den jungen Bruno zu denken. Der hatte hier oben Lausbuben-Streiche ausgeheckt und eine unbeschwerte Kindheit erlebt, bevor ihn der Schrecken des Zweiten Weltkriegs mit fortriss. Mit 16 Jahren wurde er als Flakhelfer eingezogen. Doch ich sah in dem Waldstück einfach nur einen Buben wie jeden anderen auch, mich selbst eingeschlossen.

In Gedanken an meine sehr gläubige Großmutter väterlicherseits ging es auf der Spurensuche weiter zur Kirche mit dem darumliegenden Friedhof. Alle älteren Gräber, die bis ins Jahr 1900 zurückreichten, waren mit deutschen Inschriften versehen. Von meiner Familie lag hier niemand, das wusste ich. Mit Blick auf den verwahrlosten Kirchenbau mit seinen kaputten Fenstern kamen nach einger Zeit Zweifel auf, was ich denn eigentlich hier vorzufinden gehofft hatte. Beruhigend zu spüren war in jedem Fall eine gewisse Klärung und Ruhe, die sich wohltuend breitmachte.

Furcht vor dem Überwachungsstaat

Den restlichen Tag verbrachte ich so wie viele Tage damals als Bub mit meinen Eltern, nämlich mit Spazierenfahren. Ein Abstecher nach Trutnov (Trautenau), die naheliegende Kreisstadt, rief mir zahlreiche Geschichten von damals in Erinnerung. Ein Essen mit Vaters Cousin Fredi im besten Restaurant der Gegend – in dem ich mich gleich auf die bewährten Knödel mit Soß‘ stürzte – und ein etwas forsches Wendemanöver meines Vaters mit dem S-Klasse-Benz.  Sein Cousin wurde kreidebleich, schrie ihn an, ob wir denn alle eingesperrt werden sollten.

Die Furcht vor dem Überwachungsstaat und harter Bestrafung war damals noch allgegenwärtig. Passiert ist natürlich nichts, dennoch musste ich schmunzeln, als ich den wunderschönen und prachtvoll restaurierten Stadtplatz betrat. Beim Abstecher in die Tourist-Info konnte ich nicht widerstehen, eine geschnitzte Figur des Riesens Rübezahls mitzunehmen, dessen Legenden im Riesengebirge erzählt werden.

Und so fuhr ich weiter in den Ort Spindlermühle, um erneut auf Horden von Touristen zu stoßen, die alle bei dem regnerischen Wetter die Kneipen und Restaurants gestürmt hatten. Nichts für mich, also doch wieder zurück ins Hotel, vielleicht noch ein wenig in der Sauna entspannen. So langsam wurde mir allerdings klar, welche Antworten ich bereits gefunden hatte. Wie so oft bei den großen Fragen des Lebens waren auch diese Antworten etwas überraschend und eher einfach im Kern: Ich hatte hier nichts zu tun, nichts mehr zu erledigen.

Für meinen Vater waren dies wichtige und interessante Orte. Es war auch sicher schön für den jungen Bruno, im Riesengebirge auf Skiern unterwegs zu sein. Oder die Tour von einer Baude zur nächsten zu machen, wie die Hütten im Riesengebirge heute noch heißen. Mir wurde aber auch immer bewusster, dass das eben alles sein Leben war, nicht meines. Dass all diese Dinge, Geschichten, Bilder, Erzählungen zu seinem Leben gehörten und schon rund 80 Jahre vergangen waren.

Einsichten zu Fragen nach der inneren Heimat

Mein Vater kam als 17-jähriger Flakhelfer nach Prag, geriet später in amerikanische Gefangenschaft und landete als 19-Jähriger zunächst als Erntehelfer in Norddeutschland. Bis sich dann die ganze Familie in der Nähe von Aschaffenburg wiederfand. Es waren die Wirren des Krieges, die das Leben einer ganzen Generation geprägt haben. Ja, mein Vater hat seine landschaftlich wunderschöne Heimat verloren, aber ich habe in Oberbayern eine wunderschöne Heimat für mich gefunden.

Durch den Besuch hat sich etwas in mir gelöst. Die Erkenntnis, dass mein Vater sein (wenn auch zu kurzes) Leben hatte und ich meines habe, war befreiend. Das Wissen, dass ich ihm nichts schuldig bin, nichts für ihn oder in seinem Namen noch zu tun habe, mich einfach auf mein Leben fokussieren darf und auch mein eigenes Leben leben darf, war lebendig und spürbar. In einer ganz neuen und anderen Qualität und das tat gut. Mir war auch klar, dass ich hier nichts mehr zu suchen hatte. Noch einen Tag im Riesengebirge verbringen? Auf die Schneekoppe fahren?

Ich beschloss spontan, einen Tag früher als geplant abzureisen. Um nach Wien zu fahren und noch eine Woche Urlaub dort zu verbringen. So, wie ich ihn mag und er in mein Leben gehört. Dort sitze ich nun und schreibe diese Zeilen und merke, dass die Tage im Riesengebirge wohl doch emotionaler und bewegender waren als ich zunächst gedacht hatte. Was aber die Erkenntnis gerade noch verstärkt. Schön!

Dr. Markus Blaschkas Tipp:

Als Projektleiter bin ich für das gesamte Projekt verantwortlich, muss aber nicht selbst alles erledigen!

© by Dr. Markus Blaschka 2019

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