Privilegien bewusst nutzen als Teil der Selbstführung
Gestern noch eine absurde Diskussion in der Sauna, heute eine intensive Begegnung in der Asylunterkunft. Zwei Welten, die kaum gegensätzlicher sein könnten – und doch eine zentrale Frage berühren: Wie gehen wir mit unseren Privilegien um?
Privilegien bewusst zu nutzen ist nicht nur eine Frage von gesellschaftlicher Verantwortung. Es ist auch ein wesentlicher Teil von Selbstführung.
In diesem Artikel geht es darum, warum es manchmal besser ist, eine Diskussion zu beenden, wie wertvoll echte Begegnungen sein können und weshalb der bewusste Umgang mit Privilegien auch dich selbst stärkt.
Wenn Diskussionen ins Leere laufen
Die Szene in der Sauna: Ein Mann beginnt mit den üblichen Parolen über Geflüchtete. Ein paar Gegenargumente – und schnell ist klar: Das Gespräch führt nirgendwohin.
Selbstführung bedeutet auch, die eigenen Grenzen zu kennen. Energie nicht in Debatten zu verschwenden, die keine Veränderung bringen. Stattdessen die Reißleine ziehen und den Raum verlassen.
Denn Klarheit zeigt sich nicht nur darin, wofür man einsteht, sondern auch darin, was man nicht weiter befeuert.
Seriöse Untersuchungen zeigen zudem, dass die reine Konfrontation mit Privilegien nicht automatisch zu mehr Bewusstsein führt. Häufig lösen solche Situationen eher Abwehr oder Schuldgefühle aus (vgl. bpb 2024). Entscheidend ist daher, wo wir unsere Energie investieren: in Debatten, die ins Leere laufen, oder in Begegnungen, die etwas bewegen.
Begegnung statt Debatte
Keine 24 Stunden später ein völlig anderer Moment: drei Stunden in einer Asylunterkunft, Zeit mit einem jungen Mann, der seit 2023 in Deutschland lebt.
Sein Alltag: Deutschkurs, Ausbildung, Termine mit Behörden – und gleichzeitig die Unsicherheit des Asylverfahrens. Trotz allem sprudelt er voller Energie, Humor und Hoffnung.
Das Entscheidende war nicht das Reden, sondern das Zuhören. Für ihn war es wichtig, erzählen zu können. Für mich war es eine Erinnerung daran, wie viel wir mit wenig Aufwand bewegen können.
Genau das wird auch in Studien als wirksames Prinzip beschrieben: Privilegien bewusst teilen, indem man Zugang, Ressourcen oder schlicht Aufmerksamkeit ermöglicht – sogenanntes „Powersharing“. Solche Ansätze werden etwa an der Universität Tübingen und von der Bosch-Stiftung untersucht und praktisch erprobt (Universität Tübingen; Bosch-Stiftung).
Rückkehr ins Engagement
Zwischen 2016 und 2020 habe ich unzählige Stunden in der Asylarbeit verbracht. Diese Zeit hat mich geprägt – und doch war irgendwann der Punkt erreicht, an dem eine Pause gut tat.
Jetzt zurückzukehren, auch nur für ein paar Stunden, war bewegend. Es hat mir gezeigt: Engagement darf auch in Wellen verlaufen. Selbstführung heißt, die eigenen Ressourcen ernst zu nehmen und bewusst einzusetzen.
Mehr zu dieser Erfahrung findest du auch in meinem Beitrag „Die Flüchtlinge und der Coach“.
Privilegien bewusst einsetzen – für Integration und mehr
Integration ist nicht nur Aufgabe von Politik oder Verwaltung. Wir alle sind Teil des Staates, Teil der Gesellschaft. Und wir alle können mehr tun, als wir oft glauben.
Unsere Privilegien enden nicht beim eigenen Wohlstand. Sie beginnen dort, wo wir sie für andere einsetzen.
Das Wertvollste, was wir schenken können, ist oft kein Geld. Es ist Zeit. Zuhören. Präsenz.
Und das gilt weit über Integration hinaus. Ob Gleichberechtigung, Klima oder gesellschaftlicher Zusammenhalt – die großen Themen unserer Zeit brauchen Begegnung. Sie brauchen Menschen, die bereit sind, hinzuhören und in echten Kontakt zu gehen.
Die Bundeszentrale für politische Bildung betont: Privilegien bleiben oft unsichtbar – gerade für jene, die sie besitzen. Erst durch bewusste Reflexion entsteht die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen (bpb 2024). Und genau hier liegt die Brücke zur Selbstführung.
Selbstführung und Privilegien – zwei Seiten einer Medaille
Selbstführung heißt, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen. Dazu gehört auch, die eigenen Privilegien zu erkennen. Wer sie bewusst nutzt, stärkt nicht nur andere, sondern auch sich selbst.
Denn wer bewusst entscheidet, wo er seine Energie investiert, handelt klar. Wer Privilegien für andere einsetzt, wächst in seiner eigenen Haltung.
Selbstführung zeigt sich nicht im Rückzug ins Private, sondern darin, wie wir mit unseren Möglichkeiten umgehen – für uns selbst und für andere.
Auch in anderen Bereichen – etwa Gesundheit – wird sichtbar, wie stark Privilegien wirken: Menschen mit mehr Ressourcen leben gesünder und haben besseren Zugang zu Versorgung. Das belegen Erhebungen wie die TK-Studie zu gesellschaftlichen Schichten und Privilegien. Diese Unterschiede machen deutlich: Privilegien sind nicht abstrakt, sondern prägen den Alltag. Bewusst damit umzugehen, ist Kern von Selbstführung.
Fazit
Manche Diskussionen verdienen keine Energie. Begegnungen dagegen schon.
Privilegien bewusst zu nutzen ist mehr als ein Akt der Solidarität. Es ist Teil von Selbstführung. Es geht darum, die eigenen Möglichkeiten zu erkennen, sie einzusetzen – und dadurch selbst Klarheit und Stärke zu gewinnen.
Oft sind es die kleinen Schritte, die zählen: Zuhören, Zeit schenken, da sein. Genau darin liegt die Kraft, die Gesellschaft zu bewegen – und uns selbst zu führen.
Mein Impuls an dich: Überleg dir, wo du deine Selbstführung stärken kannst, indem du deine Privilegien bewusst einsetzt. Fang klein an, geh in Begegnung – und erlebe, was es auch dir zurückgibt.
Wenn du deine Selbstführung gezielt entwickeln möchtest und dazu Impulse suchst:
Buche dir ein unverbindliches Gespräch mit mir und wir schauen gemeinsam, wo du ansetzen kannst.
FAQ
Warum ist das Bewusstsein für eigene Privilegien wichtig?
Weil Privilegien ungleich verteilt sind. Wer sie erkennt, kann Verantwortung übernehmen – statt sie ungenutzt zu lassen.
Wie hängen Privilegien und Selbstführung zusammen?
Selbstführung bedeutet, bewusst zu entscheiden, wie man handelt. Dazu gehört auch, Privilegien nicht nur für das eigene Wohl zu nutzen, sondern auch für andere.
Was sind einfache erste Schritte, um Privilegien bewusst einzusetzen?
Zuhören. Zeit schenken. Haltung zeigen. Es muss nicht immer groß sein – kleine Gesten haben oft die größte Wirkung.
Warum ist Zuhören oft wirkungsvoller als Argumentieren?
Weil echtes Zuhören Verbindung schafft. Diskussionen spalten schnell, Zuhören dagegen öffnet Räume für Vertrauen und Verständnis.