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Scrum Day 2017 in Stuttgart – Teil I

Zwei Tage Scrum Day in Stuttgart: Für mich als Scrum Master einerseits Muss, andererseits auch ein Pflichttermin, den ich mit Spannung erwartet habe. Schließlich waren mehrere bekannte Keynote Speaker aus dem Agilen Umfeld angekündigt, unter anderem war auch Scrum Co-Erfinder Jeff Sutherland zu Gast. Tag Eins begann mit einer fulminanten Keynote und wurde sogar noch besser. Daniel Mezick (www.danielmezick.com) stellte uns seinen Ansatz OPEN SPACE AGILITY vor.

Daniel nutzt die Methode Open Space zur Großgruppenmoderation, um Agilität in Unternehmen einzuführen bzw. die dabei auftretenden Probleme zu lösen. Doch woher kommen diese Probleme eigentlich?

Daniel nannte vier Faktoren, die einen großartigen Arbeitsplatz ausmachen:

  • Ein echtes Gefühl von Kontrolle (control)
  • Ein echtes Gefühl von Fortschritt (progress)
  • Ein echtes Gefühl von Zugehörigkeit (belonging)
  • Und am allerwichtigsten: ein echtes Gefühl von Zweck bzw. Ziel (purpose)

Entsprechend sind die Schlüsselfaktoren bei der Transformation die Verteilung von Autorität, Vereinbarungen, Experimente und experimentieren, modernes Selbstmanagement und „einladende Führung“ (inviting leadership). Eine wichtige Konsequenz von Agilem Projektmanagement ist die Verteilung von Autorität – im Sinne von Entscheidungskompetenz – und da fühlt sich im Unternehmen jeder irgendwie getriggert. Was seiner Meinung nach bei der Einführung von Agilität oft vernachlässigt wird, ist die Tatsache, dass Empirik (Lernen durch Erfahrung) ganz wesentlich für das Agile Denken, die agilen Werte und Prinzipien ist.

Agile heißt lernen durch Erfahrung

Daher schlug Daniel Mezick vor, den Übergang zur agilen Organisation (die Transformation oder Transition des Unternehmens) am besten als Experiment zu bezeichnen. Als eines, das untersucht wird. Von allen, nicht nur den Führungskräften.

Ein weiteres zentrales Stichwort ist Selbstorganisation. Damit ist Selbstmanagement gemeint, also die Klärung der Frage, wie Entscheidungen gefällt werden.

Dan weist beispielsweise darauf hin, dass die Einladung zu Meetings auch abgelehnt werden könne – das sei dann eine echte Entscheidung, die auch zu Engagement führe. Es sei für ihn ein häufig eingesetztes Experiment, um die Prinzipien von Agilität zu verdeutlichen. Seine Kunden berichten, dass dann in den Meetings auch tatsächlich engagierte Teilnehmer säßen, die auch bereit seien, Entscheidungen zu fällen und mitzutragen.

Einladungen als Kunst der Führung

Es geht beim Thema Agilität also laut Mezick vor allem um das Engagement, Entscheidungen zu treffen, was wiederum zu Engagement führt. Einladungen (mit der Möglichkeit abzulehnen) triggern einen Entscheidungsprozess, also erzeugen einladende Manager einen unglaublichen Grad an Selbstmanagement in einer Organisation.

Dan schloss mit vier Dingen, die Führungskräfte aus Scrum-Sicht tun sollten:

Erstens müssen Führungskräfte vorangehen („Leaders go first“) – sie führen agil, organisieren ihre Arbeit in Backlogs, machen Daily Meetings und Retrospektiven.

Zweitens geht es darum, die Organisation als Experiment agil zu machen – mit Inspektion am Ende, mit Lernen und Anpassen (um dem Widerstand entgegen zu wirken).

Drittens sollten wir mit den Wollenden arbeiten („work with the willing“), also den Änderungswilligen und Änderungsbereiten. Die Selbstorganisation der einzelnen Teams skaliert, nicht das Framework.

Viertens sollte man mit unternehmensweiten Iterationen von experimentellen Veränderungen arbeiten, die zu 100% freiwillig sind – und hier kommt sein Open Space Ansatz ins Spiel.

Natürlich erfolgt auch hier unternehmensweit eine Iteration und Inspektion (des Prozesses!)

Agile Einführung natürlich auf agile Art

Für mich vielleicht eine der wichtigsten Erkenntnisse auf dem Scrum Day: Unternehmen führen Agilität mit einem Wasserfall-Mindset ein. Der Vorstand entscheidet: „Wir werden in den nächsten sechs Monaten ein agiles Unternehmen.“ Das ist alles andere als ein agiles Vorgehen! Der agile Ansatz wäre, mit einem kleinen, lieferfähigen Inkrement zu beginnen (ein erstes Scrum-Projekt), dann eine Retrospektive zu machen, weitere Projekte agil anzugehen etc. Kurz gesagt: Inspect and adapt!

Betreibt Ihr Unternehmen auch Scrumfolklore?

Im Anschluss an die fantastische Keynote von Daniel Mazick auf dem Scrum Day war ich im World Cafe, das sich die Themen Agile Leadership, Organisationsentwicklung und Skalierung von Scrum als Themen gewählt hatte. Am meisten konnte ich aus dem Thema Organisationsentwicklung mitnehmen, auch, weil ich mein Verständnis gut bestätigt sah. Unternehmen fokussieren zu stark auf die Methode und vergessen dabei die Werte, die Scrum und Agilität zugrunde liegen.

Interessant fand ich einen Vorschlag, mit Silos umzugehen, nämlich in den einzelnen Funktionsbereichen Agile Transition Teams einzusetzen und ein übergeordnetes Agile Transition Team. Witzig war auch der Begriff Scrumfolklore, der Unternehmen beschreibt, die ein paar Scrum-Elemente einsetzen (wie daily scrums), ohne aber die Werte und die Gesamtidee zu übernehmen.

Mehr als 12 Millionen Menschen setzen täglich Scrum ein

Nach der Mittagspause kam die nächste Keynote, von Dave West, dem COO und PO von scrum.org mit dem Titel „Managing software delivery in the Super Nova – A story of practical Agile Scaling“. Dave begann mit ein paar Zahlen: So setzen aktuell mehr als 12 Millionen Menschen täglich Scrum ein und es gibt mehr als 100.000 Scrum-Zertifizierungen (ich bin einer davon).

Dave verdeutlichte die Unvorhersagbarkeit unserer heutigen Welt u.a. am Brexit und der Wahl von Donald Trump, natürlich angereichert mit einer ordentlichen Portion britischen Humors.

In Anlehnung an ein bekanntes Zitat von Management-Guru Peter Drucker meinte er dann: „Culture eats Agile for breakfast“, um die wichtige Rolle der Kultur bei der Transition zu betonen.

Auch Dave West brachte wieder das Beispiel des falschen Ansatzes. Er zitierte einen Vorstand, der verkündet habe, die ganze Organisation sei nun bis zum Jahresende agil …

Ironie ist, Agilität durch einen nicht-agilen Ansatz einzuführen

Das auch bekannte, aber in dem Kontext wieder nützliche Zitat von Peter M. Senge „People don’t resist change, they resist being changed“ rundete den Gedankengang gut ab.

Das Problem liege für ihn im grundlegend anderen Verständnis (für mich sogar Weltbild) der beiden Ansätze, so Dave West. Traditionell gehe es um Effizienz der Ressourcenverwendung, Agil ziele auf Maximierung von Lernen und Innovation. Folglich gehe es bei der Agilität nicht um Effizienz, sondern um Effektivität, also das Richtige zu tun. Die moderne Organisation müsse sich daher an Produkten ausrichten, die der Kunde brauche.

Die Einführung von Agilität ist keine Transformation

Dave brachte es am Schluss seines Vortrags ganz knackig auf den Punkt: „The Result is Transformative, but the Process is not a Transformation“

Eine Frage kam dazu aus dem Publikum, wie viele bestehende Unternehmen (also keine start-ups) diesem Ansatz denn folgen würden. Dave gab zu, es seien sehr wenige und führte GE als Beispiel an, bei dem mehrere Teams agil arbeiten würden und man das einfach ausweite. Damit habe man keine agile Organisation, aber darum gehe es nicht. Sondern darum, in mehreren Iterationen mittels „inspect and adapt“ die Organisation weiter zu verändern.

Das Ziel ist nicht die agile Organisation

Den Abschluss des Tages bildete eine Plenumsdiskussion mit dem Co-Erfinder von Scrum, Jeff Sutherland, den Keynotern Dave West und Daniel Mezick sowie Wolfram Nogge und Christina Dzaak.

Dabei kam noch einmal die Grundidee von Scrum, nämlich das pull-Prinzip (statt push) zur Sprache. So könne man z.B. das Top-Management von den Vorteilen von Scrum nicht durch einen Vortrag überzeugen, sondern indem man sie z.B. Selbstorganisation erleben lasse (Dan führte nochmals das Beispiel der Einladung zu Meetings an). Alle Teilnehmer waren sich einig, dass die Angst vor der Veränderung ein ernstes Thema sei, und dass man die Mitarbeiter manchmal einfach unterstützen und begleiten müsse.

Jeff betonte nochmal die Wichtigkeit von Leadership und stellte die Frage, ob die Furcht vor Geschäftsaufgabe größer sei als die Angst vor der Veränderung – falls ja, könne der Wandel gelingen.

Interessant fand ich die Bemerkung von Jeff, dass die „jüngere Generation“ (er meinte wohl die Generation Y) die agile Arbeitsweise als vollkommen natürlich empfinde und sich überhaupt nicht vorstellen könne, wie man nur jemals nach dem Prinzip Wasserfall arbeiten könne. Folglich hätten wir heute im Unternehmen oft einfach falsche Vorstellungen von unserer Arbeit, er sprach dabei von einer veralteten Denkweise.

Die Generation Y empfindet die agile Arbeitsweise als natürlich

David betonte, dass die Hauptaufgabe von Führung sei, sowohl die Richtung als auch Schranken für einen bestimmten Zeitraum vorzugeben (das warum und was), aber eben dann die Frage nach dem wie den Mitarbeitern zu überlassen („leave the how tot he tribe“).

Zuletzt wurden alle Teilnehmer gebeten, nochmal den aus ihrer Sicht nächsten Schritt zur Transition zusammenzufassen – hier kamen Schritte wie „Mit den Produkten zu beginnen“ (also die kundenzentrierte Sichtweise im Gegensatz zum projektorientierten Vorgehen) oder eben die Empfehlung, mit der Agilität beim Top-Management zu beginnen (z.B. empfahl Jeff, die Vorstände zu Scrum Mastern auszubilden und die nächste Management-Ebene zu Product Ownern).

Die Panel Discussion gibt’s auch als Video im Kanal von Scrum-Day:

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Auch die Panel Discussion wurde wieder professionell visualisiert:

Und damit begaben wir uns dann alle zum Networking bei herrlichem Wetter, Feierabendbier und sehr feinem Essen vom Grill auf die Terrasse. Was für ein erfolgreicher und interessanter Tag, kann ich nur sagen.

Zum Schluss noch zwei nicht ganz neue Erkenntnisse. Erstens: im Umfeld von Software-Entwicklung bist Du mit Flip-Flops und einem Schlabber-T-Shirt in jedem Fall „gut genug“ angezogen. Ich im blauen Businessanzug habe stellenweise echt Stirnrunzeln bis Distanz erzeugt – hat sich dann gelegt, wenn ich mit den Menschen ins Gespräch gekommen bin. Zweitens wird bei den Präsentationen zwar noch Powerpoint eingesetzt, doch ist im Umfeld von Scrum die Visualisierung mit Flipchart & Co, überhaupt der Einsatz von bunten, mit Visualisierungselementen angereicherten Charts ein echter Standard geworden. Selten habe ich im IT-Umfeld soviele Neuland-Stifte gesehen plus Menschen, die damit wirklich umgehen konnten – Respekt!

Bildnachweis: M. Blaschka

In Teil II des Blogs lesen Sie, wie es weiter ging auf dem Scrum Day 2017 in Stuttgart.

Dr. Markus Blaschkas Tipp:

Als Projektleiter bin ich für das gesamte Projekt verantwortlich, muss aber nicht selbst alles erledigen!

© by Dr. Markus Blaschka 2019

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