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Die Last berühmter Väter

Kennen Sie das nicht auch: Sie beschäftigen sich mit einem Thema und fühlen, dass da etwas in Ihnen mitzuschwingen beginnt, in Bewegung kommt und Kreise zieht? Zuletzt ist mir das bei der Lektüre des Buches „Das innere Kind“ von John Bradshaw passiert. Passagen daraus haben Szenen, Erinnerungen und Begegnungen aus meiner eignen Kindheit und Jugend heraufbeschworen. Ich kenne das aus meiner Tätigkeit als Coach, dass oft bei einem hartnäckigen Problem Ansätze aus der Biografie-Arbeit hilfreich sein können.

Seit ich im letzten Jahr das Thema der Kriegsenkel-Generation mit entsprechenden Lektüre-Tipps aufgegriffen habe, hat sich in einer ganzen Reihe von Begegnungen und Gesprächen gezeigt, dass die Auseinandersetzung mit dieser Zeit und ihren Prägungen viele Menschen bewegt und auf wachsendes Interesse stößt. Ein absolut spannender Prozess! Das Teilen von Erfahrungen kann dabei helfen, eigene Erlebnisse in neuem Licht zu sehen und leichter damit umzugehen.

Deshalb möchte ich in diesem Beitrag gemeinsam mit Ihnen ein kleines Experiment unternehmen: Inspiriert unter anderem von dem bewegenden und ermutigenden Bestseller des Kanzler-Sohns Walter Kohl „Leben oder gelebt werden“ und dessen Leben im Schatten des prominent-übermächtigen Politiker-Vaters möchte ich am eigenen Beispiel ein paar wichtige Grundsätze über die Wirksamkeit der Biografie-Arbeit verdeutlichen. Sozusagen eine kleine Zeitreise in die eigene Vergangenheit.

Traumatische Erfahrungen im Krieg

Ich wurde 1968 in Rosenheim/Oberbayern geboren und wuchs behütet bei meinen Eltern Bruno und Marion auf. Mein Vater ist Jahrgang 1927. Er war als  Flakhelfer im Zweiten Weltkrieg eingesetzt, wo er unter anderem die Bombardierung Prags miterlebt hat, soweit ich aus seinen Erzählungen weiß. In den Wirren der letzten Kriegstage geriet er ein Jahr lang in amerikanische Gefangenschaft. Als Sudetendeutscher im Riesengebirge an der Grenze zu Polen geboren – ein Gebiet, das heute zu Tschechien gehört -,  teilte mein Vater das Schicksal vieler Sudetendeutscher und wurde mit Kriegsende aus seiner Heimat vertrieben. Das ist einer der vielen Gründe, warum ich mich heute als „Flüchtlingskind“ selbst für Flüchtlinge einsetze.

Nach Kriegsende machte mein Vater sein Abitur nach, studierte und promovierte in Betriebswirtschaft, bevor er nach Raubling in Oberbayern kam, um als Vorstandsassistent bei den damaligen Papierwerken Waldhof Aschaffenburg (PWA) seine berufliche Laufbahn zu beginnen.

Meine Mutter kam 1933 in Hannover zur Welt, wuchs in der Bonner Gegend auf und landete mit ihrer Familie nach den Kriegswirren in dem kleinen Ort Degerndorf, das unweit von Raubling liegt.  Meine Mutter hat  wenig über ihre Erlebnisse im Krieg erzählt, in Erinnerung geblieben sind mir Gespräche über Bombardierungen.

Vater war emotional schwer erreichbar

Kennengelernt haben sich meine Eltern im Nachtlokal „Papagei“ in Rosenheim, das als größte Stadt im Umkreis schon damals große Anziehungskraft in der Region hatte.  Ich erzähle das deshalb so ausführlich, weil mein Vater sicherlich von den Gräueln des Krieges und der Gefangenschaft traumatisiert war. Nicht zuletzt deshalb finde ich das Thema Kriegsenkel so interessant, weil es darin auch um die Frage geht, inwieweit generationsübergreifende Traumata fortwirken, die eigene Persönlichkeit prägen und durch geeignete Maßnahmen bearbeitet und gelöst werden können. Eine Folge des Kriegs war mit Sicherheit auch,  dass mein Vater emotional für meine Mutter und mich schwer erreichbar war. Ein Thema, dass ich ebenso aus Gesprächen mit anderen Männern meiner Generation kenne. Möglicherweise gründet in dem notwendigen „Erspürenmüssen“ der Stimmungslage des Gegenübers auch meine Anlage zur Hochsensibilität.

Im Schatten einer „Berühmtheit“

Wichtig ist zu betonen, dass mein Vater recht schnell Vorstand bei der Papier- und Kartonagenfabrik Papierwerke Waldhoff-Aschaffenburg (PWA) in Raubling wurde. Diesen Posten bekleidete er bis zu seinem frühen Tod 1987 mit 58 Jahren. Die PWA war in den 70er- und 80er-Jahren in Raubling der mit Abstand größte Arbeitgeber und generell als großer Industriebetrieb im Landkreis bekannt. Mein Vater galt wohl im gesamten Unternehmen als eine sehr menschlich eingestellte Führungskraft, die immer auch ein Ohr für die Belange und Sorgen der Belegschaft und der Arbeiter hatte. Schließlich hatte er sich sein Studium als Arbeiter auf dem Bau und in der Papierindustrie finanziert.

Mir passiert es heute noch, also 31 Jahre nach seinem Tod, dass mir alteingesessene Raublinger erzählen, wie sehr sie meinen Vater für seine Menschlichkeit geschätzt haben. Somit bin ich auch Sohn einer lokalen „Berühmtheit“ bzw. „Topmanagers“, ein Begriff, den mein Vater allerdings ausdrücklich und wortreich zurückgewiesen hat.

Hier berührt sich mein Bericht mit dem  Buch des Kanzlersohns Walter Kohl „Leben oder gelebt werden“, auf dessen Inhalt ich in einem eigenen  Blogbeitrag genauer eingehe. An einer Stelle schreibt Kohl von einem Erlebnis, wo er nach dem beurteilt wurde, was er war – nicht nach dem, was man ihm als „Sohn vom Kohl“ zuschrieb. Walter Kohl wurde vom ersten Schultag an massiv bedrängt, geriet sogar gleich am ersten Tag in eine Schlägerei. Ich kenne ähnliche Erfahrungen von hänseln, verprügeln und ausgrenzen aus der Grundschulzeit. Als vermeintliches „Bonzenkind“ vermögender Eltern war das gerade auf dem Dorf in den 70er-Jahren nicht ungewöhnlich.

Die Last berühmter Väter

Was heute als Fall von „bullying“ mindestens bei Elternabenden und der Schulpsychologin landen würde, blieb damals als Thema bei meiner Mutter und mir. Hier gibt es eine schöne Parallele zu ähnlichen Effekten im Familiensystem: Sowohl in der Familie Kohl wie auch der Familie Blaschka – und sicherlich vielen weiteren Familien – war die Schikane auf dem Schulhof natürlich kein Thema, mit dem sich Väter beschäftigten. Die waren – im Unterschied zu heute – erfahrungsgemäß völlig von ihrer Arbeit absorbiert.

Mich hat das schon früh in eine Außenseiter-Rolle gebracht. Meine Strategie war, durch gute Noten für Aufmerksamkeit zu sorgen. Das fiel zum Glück nicht schwer. Ich lerne auch heute noch gerne Neues und kann mich schnell in neue Sachverhalte einarbeiten.  Als „Bonzenkind“, Streber und körperlicher „Schlacks“ mit 1,97 Meter Größe hatte ich zudem beständig mit einer ganzen Reihe von Vorurteilen zu kämpfen und wurde bei der berühmten Auswahl für die schulische Fußballmannschaft  nur widerstrebend als einer der letzten gewählt. Das hat mir dann erstmal auch sämtliche Freude am Sport bzw. Mannschaftssport verleidet.

Somit kenne ich aus meiner Kindheit folgende Muster bzw. Themen:

  • Kriegsenkel als vermutlich transgenerationales Trauma
  • Hochsensibel
  • Immer bemüht, sich für das Wohlergehen anderer verantwortlich zu fühlen
  • Außenseiter und „anders“ sein
  • Abgelehnt zu werden aufgrund von Tatsachen, die außerhalb meines Einflussbereichs liegen („Bonzenbua“)

Walter Kohl schreibt dazu in seinem Buch „Leben oder gelebt werden“: „Der eigentliche Grund war, dass ich mich schämte. Ich schämte mich zutiefst für das, was geschehen war, obwohl ich nichts dafür konnte. Die erlittene Verwundung vernarbte, doch die bohrenden Fragen blieben. Bin ich schlecht, dass mir so etwas immer wieder passiert? Bin ich so unwichtig, dass niemand mich so nimmt, wie ich bin? Werde ich für immer wehrlos bleiben?“

Kohl ergänzt dazu an anderer Stelle: „Innerlich frei zu werden, heißt nicht zuletzt, die Fesseln abzustreifen, die das System Familie dir angelegt hat. Erst dann bist du bereit für dein eigenes Leben, und erst dann kann auch die Liebe zu deinen Eltern wirklich frei fließen.“

Wie prägend ist das Familiensystem?

Die Frage, inwieweit das  Familiensystem unsere Entscheidungen prägt bzw. mitbeeinflusst oder wir völlig eigenständig denken, handeln und entscheiden können, fand ich immer schon sehr spannend. Ich musste bereits sehr früh Verantwortung für die weitere Ausrichtung meines Lebens übernehmen. Erst jenseits der 40 kamen verschiedene Themen stärker hoch, mit denen ich mich während eines zweimonatigen Sabbaticals in Wien 2016 intensiv auseinandergesetzt habe.

Unter anderem ging es dabei auch um den Konflikt zwischen meinem eigenen Weg und der unfreiwilligen Verantwortung für alte Familienthemen. Ich denke da etwa an Vorwürfe, mit denen ich von einem Bekannten der Familie in Bezug auf meinen Vater konfrontiert wurde. Die entscheidende Erkenntnis erwuchs für mich daraus, dass ich mich hier erstmals klar und deutlich davon distanzieren musste, von manchen Menschen nur als „Kopie“ meines Vaters wahrgenommen zu werden. Walter Kohl schreibt dazu, wie er seiner verstorbenen Mutter etwas zurückgegeben hat: „Mama. Ich gebe dir deinen Brief zurück. Ich habe meine Aufgabe erfüllt, so gut es ging. Nimm du deins, ich trage meins. Du bist deinen Weg gegangen, ich gehe nun meinen Weg. Ich wünsche dir alles Gute und bitte dich um deinen Segen und deine guten Wünsche. «

Was mir in diesem Fall sehr geholfen hat, war, dem Bekannten einen Brief zu schreiben, in dem ich meinem Ärger über die ungerechtfertigten Vorwürfe ungefiltert Luft machen konnte. Ich habe diesen Brief bis heute nicht abgeschickt. Im Nachhinein ist die Beobachtung interessant, wie allein die Tätigkeit des Schreibens und der fiktive Dialog mit dem nicht Anwesenden eine Art inneren Reinigungsprozess in Fluss gebracht hat, der für Klarheit und eine deutliche Erleichterung gesorgt hat. Ob ich den Brief noch abschicke oder ihn vielleicht auch nur verbrenne, ist meiner Erfahrung nach für das erwünschte Ergebnis unbedeutend. Wobei das Abschicken möglicherweise eine Kette neuer Verstrickungen und Verwicklungen nach sich ziehen könnte.

Selbstverantwortung für das Glück

Kohl bringt das nochmals schön auf den Punkt: „Als erwachsener Mensch bin ich für mein eigenes Glück verantwortlich. Ob mit oder ohne Vater, das ist letztlich egal. Denn es geht nicht um meinen Vater, es geht um mich.“

Welche Kernbotschaften ergeben sich für mich aus dieser bewegenden und befruchtenden Beschäftigung mit der eigenen Biographie:

  • Es ist lohnend, sich die eigene Biographie schriftlich vorzunehmen. Allein beim Schreiben dieser Zeilen ist mir wieder einiges bewusstgeworden, das ich lange nicht mehr gesehen hatte bzw. das mir lange nicht zugänglich war.
  • Es ist nie zu spät, sich heute das zu geben, was man als Kind gebraucht hätte. Ich nehme heute oft „den kleinen Markus“ an die Hand, und erkläre ihm Dinge, die er als Bub nicht verstehen konnte.
  • Manche vermeintlich problematischen Themen aus unserer Kindheit haben besondere Stärken in uns hervorgebracht. Ich erfasse intuitiv oft die Stimmung bzw. emotionale Verfassung eines Gegenübers. Das kann sich auch auf alle Personen im Raum, ja sogar auf eine ganze Firma beziehen. Ein Prozess, der in der Regel unbewusst abläuft. Das ist zuweilen eine Last, aber in meinem Beruf hilfreich und nützlich. Einen interessanten Hintergrund dazu bietet die Lektüre des Buchs von Ingrid Meyer-Legrand „Die Kraft der Kriegsenkel“.
  • Themen, die noch einer Aufarbeitung oder Betrachtung bedürfen, zeigen sich oft an Widerständen, Ängsten oder starken Emotionen. Ich fand z.B. die Person Walter Kohl früher regelrecht peinlich – gleichzeitig war mir klar, dass das eine reine Projektion von mir ist. Heute würde ich sagen, es war das Thema des „Sohns eines berühmten Vaters“, das mich herausgefordert hat und angeschaut werden wollte.

Eine Einsicht, die viel Kraft, Klarheit und inneren Frieden bringen kann, weshalb ich sie gerne an andere weitergebe: Unsere Eltern haben immer (!) aus Liebe gehandelt und haben immer versucht, im Rahmen ihrer Möglichkeiten das Beste für uns zu tun. Allerdings waren auch sie nur ganz normale Menschen. Es geht also nicht um Abrechnung, sondern um Aussprache. Das Ziel dabei ist Versöhnung. Nutzen Sie die Gelegenheiten, falls Ihre Eltern noch leben. Falls sie nicht mehr leben oder nur ein Elternteil, dann sprechen Sie zumindest aus, was Sie beschäftigt. Das können Sie auch mit einem Coach oder einer guten Freundin tun. Wichtig ist, dass sie es wirklich aussprechen oder zumindest zu Papier bringen.