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Die stille Revolution der Arbeitswelt

New Work liegt im Trend. Ebenso die Suche nach neuen Wert- und Organisationsmodellen für die Arbeitswelt von morgen. In unserem Blog haben wir schön öfter darüber geschrieben. Etwa über einen der bekanntesten Klassiker „Reinventing Organizations“ von Frédéric Laloux. Exemplarisch für viele Führungskräfte, die in eine Krise geraten sind und daraus neu gestärkt hervorgehen, ist Bodo Janssen. Seinen persönlichen Absturz und den folgenden Kulturwandel in der von ihm geführten Hotelgruppe Upstalsboom beleuchtet der Film „Die stille Revolution“ von Kristian Gründling. In einem Gesprächskreis habe ich Gründling vor kurzem persönlich kennengelernt und war deshalb ganz gespannt auf den Film.

Der Dokumentarstreifen von 2018 ergänzt und erweitert das gleichnamige Buch, das Bodo Janssen 2016 veröffentlicht hat: Die stille Revolution: Führen mit Sinn und Menschlichkeit. Der SPIEGEL-Bestseller ist in mittlerweile neunter Auflage erschienen. Janssen beschreibt darin, wie er nach dem Flugzeugabsturz und Tod seines Vaters mit 32 Jahren Chef der friesischen Hotelgruppe Upstalsboom wurde.

Der Mann der Zahlen und Fakten

Obwohl er das Unternehmen wirtschaftlich erfolgreich führte, sank die Mitarbeiterzufriedenheit beständig. Die Kündigungsrate und Fehlzeiten stiegen, während Bewerbungen ausblieben und der Ruf schlechter wurde. Als „Mann der Daten, Fakten Zahlen“ wollte er valide Ergebnisse. Und musste mit dem Ergebnis einer Mitarbeiterbefragung die erste bittere Pille schlucken: Die Angestellten wollten einen neuen Chef. Der Grund für die Unzufriedenheit lag im Führungsstil von Bodo Janssen.

Mit einem Donnerschlag begann so für den Manager seine persönliche stille Revolution. Statt die Kränkung seines Egos mit einem Haifischlächeln zu ignorieren, ging der heute 47-Jährige ins Kloster Münsterschwarzach. Zum Benediktinerpater Anselm Grün. Dessen Buch „Quellen innerer Kraft“ hatte ihm nach dem Tod des Vaters 2007 Kraft geschenkt. Von dem Führungskräfteseminar, das Grün zusammen mit dem Unternehmensberater Friedrich Assländer hielt, erhoffte sich Janssen das passende Handwerkszeug. Um die Mauer zwischen sich und den Mitarbeitern möglichst schnell wieder einreißen zu können.

Einsichten in der Stille

Doch der Pater schickte ihn erstmal in die Stille. Ein Zustand, den Janssen damals kaum aushalten konnte, wie er während einer Präsentionstour von Film und Buch erklärte. Fragen wie „Wer bin ich und woher komme ich?“ beschäftigten ihn in seinem karg eingerichteten Zimmer. Oder Botschaften wie: „Nur wer sich selbst führen kann, kann auch andere führen.“ Erinnerungen an einen eigenen traumatischen Entführungsfall  mit Befreiung durch ein Spezialeinsatzkommando gingen ihm seinerzeit durch den Kopf.

Im Zuge der Klosteraufenthalte reifte für den Hotelmanager die Erkenntnis, wie wichtig Verbundenheit, Offenheit und gemeinsame Ziele für ein gemeinsames Miteinander sind. Selbsterkenntnis ist dabei ein zentraler Schlüssel. Nicht nur ums sich und andere führen zu können, sondern auch, um eine nach- und werthaltige Wirtschaft zu gestalten.

In der gegenseitiger Respekt und Achtung selbstverständlich sind.  Bodo Janssen spricht dazu von seiner Vision, in einem kleinen Wohnzimmer im Friesenhaus zu sitzen und seinen Enkeln dort „Geschichten zu erzählen von glücklichen Menschen“. Und Geschichten von der Transformation in der Arbeitswelt von der Ressourcenausnutzung zur Potentialentfaltung.

Revolution der Unternehmenskultur

In seiner Hotelgruppe mit heute 650 Mitarbeitern gelang Janssen der Wandel in der Unternehmenskultur. Statt nur als Zahnrad im System aufoktroyierte Leitsätze zu befolgen, ging es für die Mitarbeiter darum, die gemeinsam neu entwickelten Unternehmenswerte und -visionen in der täglichen Arbeit zu leben und aktiv mit einzubringen. Arbeit als Sinnerfüllung.

Neben einem Projekt in Ruanda stand dabei unter anderem auch das gemeinsame Projekt einer „Tour des Lebens“ mit Auszubildenden auf den Kilimandscharo auf dem Programm. Statt neuer effektiverer Managementmethoden setzt Janssen auf eine neue Gesinnung und innere Revolution. An die Stelle von Gewinnmaximierung soll inzwischen sogar die Umwandlung des Unternehmens in eine Stiftung den Geist neu beflügeln.

Mit dieser Einstellung ist Janssen inzwischen nicht mehr allein. Der Weg aus der Sinnkrise führte ihn mit dem Regisseur und Werbefilmer Kristian Gründling zusammen. Gemeinsam entwickelten beide die Vision für den Film und eine neue Sicht auf die Arbeitswelt von morgen. Der Einzelfall steht als Aufhänger und vielstimmiger Appell, gemeinsam und mutig ein neues Modell der Mitbestimmung und des sinnerfüllten Umgangs zu schaffen.

Prominente Fürsprecher beziehen Stellung

Viele Menschen und prominente Experten kommen so zu Wort: etwa der Neurobiologe Gerald Hüther, der Ex-Investmentbanker Rainer Voss, der ehemalige Wirtschaftsminister Wolfgang Clement, der Mitbegründer des Wirtschaftsmagazins brandeins, Wolf Lotter, oder Alexander Brink von der Uni Bayreuth, Professor für Wirtschafts- und Unternehmensethik. Natürlich auch Janssens Mentor, der Benediktinerpater Anselm Grün.

Sie sprechen von einer neuen Arbeitswelt und vom Gefangensein der Manager in alten Denkmustern. Von der heute überholten Unternehmungsstruktur, die aus dem alten Preußen herrührt. Und von einem Umwälzungs- und Verwandlungsprozess, einer Revolution, der so gewaltig ist wie der von der Agrargesellschaft in die Industriegesellschaft.

Machtstrukturen vs. Können

Statt auf Machtstrukturen zu setzen, werden Manager aufgefordert, durch Können zu überzeugen. „Wir müssen aufhören zu glänzen und anfangen zu leuchten.“ Zentral steht auch der Satz, dass in der Vergangenheit viel Know-how gewonnen wurde. „Aber wir haben das Know-why verloren“ – das Wissen um den tieferen Sinn von Arbeit.

Sicher mag in der Vielzahl der Aussagen prominenter Köpfe die zentrale Kernbotschaft etwas verloren gehen. Auch überzieht mitunter die inszenierte Hochglanzoptik des ehemaligen Werbefilmers den Kinofilm stellenweise mit einem etwas süßlichen Zuckerguss aus der Welt überzeugter Gutmenschen. Trotzdem gibt der Film „Die stille Revolution“ aus meiner Sicht gute Impulse, gemeinsam und mutig die Transformation der Arbeitswelt in eine menschengerechtere Richtung voranzutreiben.

Foto: www.die-stille-revolution.de / Hauke Seyfarth Fotografie

Dr. Markus Blaschkas Tipp:

Als Projektleiter bin ich für das gesamte Projekt verantwortlich, muss aber nicht selbst alles erledigen!

© by Dr. Markus Blaschka 2019

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